Eine Fahrt mit der Berliner Pferdebahn

Museumsobjekt: Zeitkarte Pferdestraßenbahn
Entstehungsdatum: 1896
Künstler/Hersteller: unbekannt
Entstehungs/Fundort: Berlin
Technik/Material: Pappe/ Papier
Museum: Stiftung Stadtmuseum Berlin/ Märkisches Museum
Ort (Museum): Berlin
Bundesland: Berlin

Kommentar:

Zeitkarte
Clara Rindermann
wohnhaft Liesenstraße 10
1896

Große Berliner Pferdebahn, 527
Friedrichstr. --- Behrenstr.

Es ist am 6. November 1896. Es regnet und der Himmel ist grau. Man merkt, dass es Herbst ist. Gerade biegt eine hübsche Dame namens Clara Rindermann, wohnhaft Liesenstraße 10, um die Ecke. Ihren Regenschirm hält sie aufgespannt in der einen, die Handtasche in der anderen Hand. Suchend blickt sie sich um. Dann läuft sie entschlossen über die Straße und auf die Brücke zu. Hinter der Brücke steht eine Pferdebahn. Frau Rindermann läuft darauf zu, winkt dem Kutscher und steigt auf das Trittbrett. Dann klappt sie ihren Schirm zusammen, klemmt ihn vornehm unter den Arm und steigt hinauf in den Wagen. Dort setzt sie sich auf einen Sitzplatz, lächelt dem jungen Herrn, der neben ihr sitzt, freundlich zu und verschnauft erst einmal. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Die Pferdehufe klappern auf den Schienen. Es sind zwei Pferde, ein Schimmel und ein brauner Hengst. Verträumt schaut Clara aus dem Fenster. Dort liegt Berlin unter dem grauen Abendhimmel. Berlin, die schöne Stadt, in der sie geboren und aufgewachsen ist. Häuser und Bäume, Brücken und Gärten rattern vorüber. Die Menschen gehen allmählich alle in ihre Häuser. Auch Clara ist auf dem Heimweg.
Plötzlich schreckt sie aus ihren Träumen hoch.
"Die Fahrkarte bitte!"
Der Schaffner kommt in den Wagen. Clara zeigt ihre Zeitkarte vor. Der Schaffner nickt und geht weiter.
Clara sieht sich im Wagen um. Gegenüber sitzt ein älterer Herr mit einer Brille. Neben ihm ein kleines Mädchen mit seiner Mutter, das munter aus dem Fenster schaut.
"Guck mal, Mutti, der Herr dort hat ja gar keine Haare!", ruft es und zeigt auf einen alten Mann mit einer Glatze, der gerade in einem Haus verschwindet. Clara lächelt.
Der Herr mit der Brille blättert in einer Zeitung. Eine Fliege surrt irgendwo an der Decke. Sonst ist es still im Wagen.
"Liesenstraße", ruft der Schaffner.
Seufzend steht Clara auf, nickt den anderen Fahrgästen ein freundliches "Guten Abend" zu und steigt aus dem Wagen auf die Straße hinaus. Fast alle Menschen sind nach Hause gegangen. In den Fenstern der Häuser brennt Licht. Dort sitzen jetzt die Leute und essen Abendbrot, denkt Clara. Und sie legt einen Schritt zu, um schneller nach Hause zu kommen. Hausnummer 14, 12, 10. Endlich daheim. Während Clara die breiten Steinstufen zu ihrer Wohnung hinauf steigt und den Schlüssel ins Schloss steckt, denkt sie: "Das war wieder ein anstrengender Tag!"
Dann geht sie ins Haus. Doch da fällt ihr plötzlich die Pferdebahn wieder ein.
"Die armen Pferde, die den ganzen Tag lang die Bahn ziehen müssen! Gibt es denn wirklich keine andere Möglichkeit, außer mit viel Feuer und Rauch?"
Ach nein, sie kann es sich nicht anders vorstellen.

Und dann deckt sie den Tisch für das Abendessen.



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Alter: 10
Ort: Berlin
Schule: Jugendkunstschule Atrium