Überzeugungsarbeit

Museumsobjekt: Gemälde "Badende Jungen"
Entstehungsdatum: 1900
Künstler/Hersteller: Max Liebermann
Entstehungs/Fundort: Berlin
Technik/Material: Öl auf Leinwand
Museum: Stiftung Stadtmuseum Berlin/ Märkisches Museum
Ort (Museum): Berlin
Bundesland: Berlin

Kommentar:

Die Sonne leuchtet hell. Sie spiegelt sich golden auf dem kühlen Wasser. Es ist ein schöner Tag, ich sollte mich nicht beschweren. Aber ich tue es. So, dass der Stockfisch es nicht merkt, versteht sich.
Die anderen beschweren sich schon, sie meinen ich soll aufhören zu schimpfen, ihnen nicht den Tag vermiesen. Aber es geht eben nicht. So einfach ist das.
Manchmal frage ich mich, warum die anderen mich nicht verstehen, aber ich glaube, ich sollte das aufgeben. Sie verstehen es halt nicht. Bestimmt wissen sie gar nicht was Freiheit ist, und deshalb beschweren sie sich auch nicht, dass sie keine haben. Ich bin der einzige, der sich beschwert.
„Was willst du denn, du bist doch frei“, sagt Heiner zu mir, als ich ihn darauf anspreche, Heiner ist furchtbar dick und ihm ist immer alles egal. „Heute dürfen wir den ganzen Tag draußen bleiben und baden, und die Sonne scheint. Ich weiß gar nicht, was du hast.“
„Sicher, sage ich, heute dürfen wir draußen sein, aber doch auch nur unter der Aufsicht vom Stockfisch, und der kontrolliert dich wie einer von den Bullen.“
Da wird Heiner ganz aufgeregt und fängt fast an zu quieken. Er sieht sich verstohlen nach dem Stockfisch um, aber der schimpft gerade mit dem kleinen Peter, weil er Max aus Versehen Sand auf den Kopf geschmissen hat. Peter weint. Heute Abend wird er Schläge bekommen.
Heiner schüttelt den Kopf. „Nein, ich verstehe dich nicht. Es ist doch alles in Ordnung. Wir kriegen was zu essen, wir haben einen Schlafplatz und wir lernen sogar was.“ Seine Augen glänzen und er klingt ganz ehrfürchtig, der Heiner. Ich schüttele den Kopf. „Und dass sie uns schlagen und nicht raus lassen und uns das Essen entziehen, wenn ihnen was nicht passt, was für ´ne fromme Erklärung hast du dafür?“ „Na ja…“, Heiner wiegt den Kopf und wird ein bisschen rot, aber seine Stimme hat die Überzeugung nicht verloren. „Man muss die Kinder eben strafen wenn sie nicht artig sind, so ist das nun mal. Sonst werden sie böse und aufmüpfig. Und deshalb sind wir schließlich hier, nicht wahr? Weil wir böse und aufmüpfig sind. Wir müssen ganz, ganz dankbar sein, dass uns Herr Gesthold wieder auf den richtigen Weg führt.“
Ich schnalze mit der Zunge. „Der Stockfisch? Der verprügelt nur gerne kleine Jungs, die sich nicht wehren können.“
Den Stockfisch, so haben wir ihn genannt, wegen seinen Augen, weil die immer offen sind und uns immer kontrollieren. Manche sagen, er kann gar nicht blinzeln, wie ein Fisch eben, aber das ist Unfug. Trotzdem, der Stockfisch hilft uns nicht, er ist gemein und er lügt. Heiner ist nicht böse und aufmüpfig. Er war nur wütend, nur ein einziges Mal. Eigentlich hatte er nur Pech. In Wirklichkeit ist er ein ganz ruhiger Kerl, aber er glaubt dem Stockfisch jeden Unsinn, den er ihm über ihn erzählt.
Nein, Heiner werde ich wohl nicht überzeugen können. Ich sehe sehnsüchtig in die untergehende Sonne. In die Freiheit. Dann muss ich eben alleine gehen. Wenn die Sonne morgen Abend untergeht, werde ich auch frei sein.

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Alter: 13
Ort: Berlin
Schule: Jugendkunstschule Atrium