Ein Blick aus dem Fenster

Museumsobjekt: Gemälde
Entstehungsdatum: 1912
Künstler/Hersteller: Ernst L. Kirchner
Entstehungs/Fundort: Berlin
Technik/Material: Öl auf Leinwand
Museum: Stiftung Stadtmuseum Berlin/ Märkisches Museum
Ort (Museum): Berlin
Bundesland: Berlin

Kommentar:

Hannah lehnte sich aus dem offenen Fenster und blickte hinaus. Es war alles wie jeden Morgen: Dieselben Leute eilten mit geschäftigen Mienen vorbei, dieselben Geschäftsmänner, Professoren und Lehrer. Die gelben Straßenbahnen rasten dahin und wurden von Autos überholt. Dies war alles, was Hannah seit einem Monat von Berlin gesehen hatte, doch sie fand ihre Freude daran. Immer wenn sie eines der ihr schon vertrauten Gesichter erblickte, wollte sie ihm zurufen und winken. Allerdings musste sie sich jedes Mal daran erinnern, dass die Leute sie nicht kannten. Niemandem ist je die Idee gekommen hochzugucken in eines der Fenster des dritten Stocks, in dem ein kleines schwarzhaariges Mädchen jeden Morgen das Treiben auf der Kreuzung beobachtete.
Dort, dort hinten war der große braunhaarige Junge mit den Locken, dessen Haare so abstanden, als hätte er ein Vogelnest auf dem Kopf. Sie beobachtete ihn eine Weile, wie er an der Straßenbahnhaltestelle stand und wartete. Plötzlich hob er den Kopf und ihre Blicke trafen sich. Hannah wollte ihre Augen rasch wieder abwenden, doch dann sah sie, dass der Junge lächelte. Er grinste sie an und winkte. Völlig verdattert winkte sie zurück und versuchte- verwirrt wie sie war-, das Lächeln zu erwidern. Dann stieg der Unbekannte in die Straßenbahn ein und verschwand.
Hannah schlug das Fenster zu und fing auf einmal an zu lachen. Sie lachte so sehr, dass ihr die Rippen schmerzten und sie dachte: „Also bin ich doch nicht so unsichtbar wie ich dachte!“ Dann ging sie zu ihrer Gastfamilie ins Wohnzimmer. Der Vater guckte gerade von seiner Zeitung auf, als sie hereinkam. „Ach Hannah“, begann er, „gut, dass du kommst. Ich wollte noch mit dir besprechen, wann du das Brandenburger Tor besichtigen willst.“ Strahlend setzte sich Hannah an den Küchentisch und bemerkte: „Wisst ihr, ich hab’s nicht eilig… Fürs erste reichte mir diese Kreuzung.“






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Alter: 13
Ort: Glienicke
Schule: Jugendkunstschule Atrium