Liebesinsel

Museumsobjekt: Gemälde "Liebesinsel"
Entstehungsdatum: 1905
Künstler/Hersteller: Walter Leistikow
Entstehungs/Fundort: Berlin
Technik/Material: Öl auf Leinwand
Museum: Stiftung Stadtmuseum Berlin/ Märkisches Museum
Ort (Museum): Berlin
Bundesland: Berlin

Kommentar:

Elisabeth stand wie jeden Morgen noch vor Sonnenaufgang auf. Sie zog sich ihr beige-grünes Kleid über ihr Nachtgewand und kämmte sich das lange, blonde Haar. Nur die kleinen Mädchen der Familie Strousberg hatten blonde Haare wie sie. Der Sohn Rudolf hatte zwar ebenfalls etwas hellere Haare, aber wegen der Locken, die jeder der Strousbergs hatte, sah man, dass Elisabeth nur ein Dienstmädchen war.
Einst war Herr Strousberg ein erfolgreicher Bergwerksdirektor, der sich mit dem Eisenbahnbau befasste, doch er kam unter Kritik und gönnte sich nun in Berlin ein wenig Ruhe. „Das verdient der arme Mann auch“, dachte Elisabeth, als sie den morgendlichen Tee für Frau Matilde zubereitete. Sie hob das Tablett an, stieß mit dem Fuß die Küchentür auf und stieg die schönen Holztreppen mit den roten Teppichen hinauf. Sie klopfte sachte an der Tür des Schlafzimmers. Als sie das „Herein“ hörte, drückte sie die Klinke hinunter und wartete einen Moment, bis sich ihre Augen an die Finsternis des Zimmers gewöhnt hatten. Schließlich stellte sie das Tablett auf den Nachttisch der Frau Matilde und zog die schweren, roten Samtvorhänge auf. Sonnenlicht flutete in das Zimmer und gern hätte Elisabeth ein wenig hinausgesehen, doch sie musste das Frühstück für den Rest der Familie richten. Sie ging wieder hinunter und brachte auch dem Rest der Familie ihr Frühstück ans Bett. Erst Herrn Henry Bethel, dem Familienoberhaupt, dann seiner Tochter Wilhelmine und ihrem Mann Wilhelm, anschließend den kleinen Mädchen Ruth, Maria und Henriette, dann Wilhelmines Tochter Sophie und ganz zuletzt Rudolf. Bei ihm war sie immer sehr aufgeregt, denn sie fand ihn einfach entzückend. Aber als Dienstmädchen wagte sie es nicht, dies ihm zu zeigen. Sie hielt sich möglichst kurz in seiner Gegenwart auf, damit es nicht passieren konnte, dass sie einen träumerischen Blick bekam. Leider hatte er die Hunde Artus und Georg zu seiner Gesellschaft bei sich und Elisabeth musste die beiden ebenfalls füttern. Um die Pferde kümmerte sich zum Glück der Stallknecht. Elisabeth mochte diese großen, starken Tiere nicht. Sie hatte Angst, von ihnen zerquetscht zu werden.
Sie lief wieder hinunter in die Küche, holte sich einen Eimer und einen Lappen und begann das Haus zu putzen. Christine, ein anderes Hausmädchen, fegte derweilen den Hof und lüftete die Federbetten und Zimmer der Herrschaften. Nach dem Mittagessen ging Elisabeth mit den Kindern spazieren. Das mochte sie. Die frische Luft tat ihr gut und ein wenig Bewegung hatte noch niemandem geschadet! Dumm nur, dass Rudolf in die andere Richtung geritten war. Und da waren ihre Gedanken schon wieder bei ihm. Sie musste sich das unbedingt abgewöhnen. „Elisabeth! Schau nur!“, rief die kleine Ruth. Sie deutete mit ihrem Finger auf ein Stück Land, das in der Mitte des Tegler Sees war. Seltsam, die Insel war Elisabeth noch nie aufgefallen. „Henriette nicht!“, piepste Maria plötzlich. Elisabeth blickte auf, doch zu spät. Das Mädchen war bereits in den See spaziert und machte Anstalten, zu der Insel zu schwimmen. „Nein! Oh, Henriette! Was wird die Frau Mutter dazu sagen! Und das schöne Kleid ist hin. Komm auf der Stelle wieder hinaus, sonst erkältest du dich auch noch!“, kreischte Elisabeth aufgebracht. Doch das Mädchen gehorchte nicht. „Henriette!!!!“, Elisabeth ging ein kleines Stück in den See hinein. Das Wasser berührte den Saum ihres Kleides. Ununterbrochen flehte sie das Kind an zurückzukommen. Sie wollte ihr Kleid nicht beschmutzen. Doch letztendlich blieb ihr keine Wahl. Sie schrie auf, als sich das kalte Wasser um ihre Hüfte wellte. Henriette war ein ganzen Stück weit von ihr entfernt. An der Stelle, wo der kastanienbraune Schopf des Mädchens zu sehen war, würde Elisabeth bestimmt nicht mehr stehen können. Und in dem Wasser waren riesige Fische! Sie kreischte auf, als ein etwas kleinerer an ihrer Seite auftauchte. „Henriette! Ich will nicht schwimmen!!! Komm zurück! Bitte!“, rief sie erneut.
Ein Pferd schnaubte, so dass Elisabeth sich umdrehte. Rudolfs Pferd stand am Ufer und der einzige Sohn der Familie Strousberg schwamm nun zu seiner kleinen Schwester. Bald hatte er sie eingeholt und brachte sie zurück ans Ufer. Die zur Hälfte im Wasser stehende und schlotternde Elisabeth würdigte er keines Blickes. Diese watete nun zurück ans Ufer und stotterte: „Herr Rudolf… Es tut mir furchtbar leid! Ich hab es zu spät gemerkt… Ich hätte besser acht geben müssen… Es tut mir so furchtbar leid…“ Rudolf blickte sie kurz an. Dann lächelte er und meinte: „Ich reite mit Henriette heim, damit sie sich an der kühlen Luft keine Lungenerkältung holt. Bring die andern bitte wieder zurück. Wir sehen uns später.“ Dann setzte er Henriette vor sich aufs Pferd und galoppierte davon.
Beim Abendessen redeten die Kinder nur noch von der Insel. Sie ließen sich immer wieder von Elisabeth und Rudolf bestätigen, dass es diese gab. Schließlich meinte Henry Bethel: „Ich finde, wir sollte uns ein Boot leihen und einen kleinen Ausflug zu der Insel unternehmen. Was meinst du, Matilde?“ Alle außer Wilhelmine waren einverstanden und so blieben Wilhelm, Ruth und Wilhelmine am nächsten Tag allein zuhause. Elisabeth freute sich, als Henry ihr sagte, dass sie mitkommen dürfe.
Ein Fischer fuhr sie alle zu der Insel. Von weitem sah sie am besten aus, fand Elisabeth. Sie hatte wunderschöne, hohe Bäume mit dichtem, grünem Laub und der Boden duftete. Herr und Frau Strousberg sonderten sich von den andern ab. Nach einer Weile baten sie um Aufmerksamkeit. Frau Matilde sprach: „Elisabeth ist nun schon eine ganze Weile bei uns als Dienstmädchen tätig. Heute hat sich ein neues bei uns gemeldet. Es macht einen viel versprechenden Eindruck.“ War es das? Würde Elisabeth entlassen werden und würde sie Rudolf nie wieder sehen? Dieser blickte seine Eltern mit einem seltsamen Ausdruck an. War es Enttäuschung? Herr Henry Bethel fuhr fort: „Da Elisabeth sich aber so lange und fürsorglich um uns gekümmert hat und wir sie alle ins Herz geschlossen haben, möchte ich nun etwas verkünden, um das mich Rudolf gestern Abend bat. Wir wollen Elisabeth entlassen, um sie als neues Familienmitglied aufzunehmen!“ Elisabeth starrte baff von einem zum andern. Die Mädchen schmiegten sich an sie, aber Elisabeths Blick galt allein Rudolf, der ihn etwas verlegen erwiderte. Dann kamen die Freudentränen.
Auf der Rückfahrt legt Rudolf einen Arm um sie. „Warum hast du das getan?“, fragte Elisabeth leise. Er blickte ihr tief in die Augen und flüsterte: „Weil man sein Dienstmädchen nicht offen lieben darf.“ Alles Glück der Erde durchströmte Elisabeth. Jetzt konnte nichts mehr schief gehen. Sie würde auch so ein wundervolles Zimmer bekommen, vielleicht sogar zu Rudolf in das seine ziehen und sie würde jeden Morgen ihr Frühstück ans Bett gebracht bekommen. Ein tolles Gefühl…

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Alter: 14
Ort: Berlin
Schule: Jugendkunstschule Atrium