Einmal Heimat und zurück

Museumsobjekt: Llaneces#2
Entstehungsdatum: 22.02.2005
Künstler/Hersteller: Bert Teunissen
Entstehungs/Fundort: Spanien
Technik/Material: Foto
Museum: Domestic Landscapes
Ort (Museum): Domestic Landscapes Fotobuch
Bundesland: Nordrhein-Westfalen

Kommentar:

Ein weiterer Sonntag in einem kleinen Dorf in Spanien. Ein sehr bedeutender Sonntag jedoch für das alte Ehepaar, dessen mittlerweile schon über 75 Jahre altes Backsteinhaus auf dem Hügel gleich vor dem Meer liegt. In einigen Minuten werden die Kirchenglocken läuten und alles wird sich wie jeden Sonntag abspielen: Die Bewohner des kleinen Dorfes werden mit der ganzen Familie gemeinsam in die Kirche gehen, um die Predigt des Pastors zu hören. Hier sind alle sehr gläubig und äußerst traditionsbewusst. Nach der Messe wird man sich eine Weile mit guten Freunden und Nachbarn unterhalten. Niemand hat es hier eilig, alles wird ganz gelassen gesehen. Irgendwann, werden sich die Familien nach und nach zurück in ihr Haus begeben, wo man gemütlich zusammen zu Mittag essen wird. Ganz ohne jene Hektik wird hier alles ablaufen, ganz ohne Regeln.
Das alte Ehepaar steht in der Küche. Sie wissen, dass es nicht mehr lange dauern kann. Beide sind aufgeregt und können es kaum noch abwarten. Sie sind so aufgeregt, dass ihnen die Stille um sie herum gar nicht auffällt. Normalerweise herrscht in diesem Haus immer reges Treiben. Doch jetzt ist es so still, dass man die Küchenuhr leise ticken hören kann. Aber auch dieses Ticken, wird weder von dem Mann noch von der Frau wahrgenommen. Sie sind in Gedanken, schwelgen in Erinnerungen. Geistesabwesend schauen sie gegen den Herd gelehnt aus dem Fenster. Ab und zu dringt das liebliche Lachen spielender Kinder durch das halbgeöffnete Fenster und auch der Hund des Nachbarn gibt hin und wieder ein schwaches Gebell von sich. Er ist schon alt und wird wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben haben. Das alte Ehepaar hat diesen Hund sehr ins Herz geschlossen, doch auch das schwache Bellen, welches sie in letzter Zeit sonst immer bedrückte, wird sie in den nächsten Minuten nicht erreichen, denn sie wissen, dass es nicht mehr lange dauern kann. Ihr sehnlichster Wunsch wird sich gleich erfüllen. Schon fast zehn Jahre haben sie diesen und nun in wenigen Minuten wird er tatsächlich zur Realität werden. Sie können es kaum glauben, es kaum erwarten, bis für sie alles wieder vollkommen sein wird.
Dieser Sonntag wird nicht so sein wie die Sonntage der letzten zehn Jahre, er wird besser sein. Das spürt das alte Ehepaar. Es weiß, dass er nur besser sein kann, denn in einem kurzen Augenblick wird alles so sein wie früher. Dieses Gefühl wird in ihnen wieder hochkommen. Nichts wird ihnen mehr fehlen, wenn es gleich soweit ist werden sie alles haben, was sie brauchen. Sie werden sich wieder fühlen wie im Paradies, denn alles wird für sie wieder vollkommen sein.

Inzwischen müsste ihr Glück, ihr fehlendes Stück zur Vollkommenheit, am Meer vorbei und
den Hügel hinauf fahren.

Ein Gefühl von Nostalgie wird bei dem salzigen Geruch des Meeres erweckt werden, welches viele Erinnerungen hervorrufen wird. Dieser einzigartige Geruch, der sich trotz der vielen vergangenen Jahre nicht verändert hat, wird langsam aufsteigen und bei jedem neuem Atemzug eine neue, alte Erinnerung mit sich bringen. Wie ein Filmstreifen werden die Bilder vorbeiziehen und zusammen mit den Gerüchen vermischt ein wohlig-warmes Gefühl erzeugen. Der Geruch von nassem Stein, von den sandigen, staubigen Straßen, von brennenden Öfen. Der Geruch von Spaziergängen am Strand, bei denen Muscheln gesammelt wurden, von Versteckspielen in den kleinen Gassen zwischen den Häusern oder der Geruch von Grillfesten mit Nachbarn. Der Geruch von Kindheit und kleinen Streitereien. Einmalig.
All das wird ihrem fehlenden Stück zur Vollkommenheit, ihrer Tochter, widerfahren, die das alte Ehepaar in einigen Sekunden durch das Fenster erblicken wird. Sie wird merken, dass alles wie früher geblieben ist. Sie wird merken, dass das kleine Backsteinhaus sich nicht verändert hat. Sie wird merken, dass sich immer noch in der Küche das ganz Leben abspielt. Sie wird merken, dass sich auch dort in all den Jahren nichts verändert hat: Die grün gestrichenen Wände, die Handtücher, die über dem schwarzen Gasherd hängen. Der große, silberne Wasserkrug steht wie schon damals, als sie all dies hinter sich ließ, noch links neben dem Waschbecken am selben Platz. Sogar die Sonntagskleidung ihrer Eltern ist noch gleich geblieben. Zwar sieht die gute Jacke des Mannes nicht mehr allzu gut aus, jedoch sind die Jahre, die das blaue Kleid und der braune Blazer der Frau mittlerweile alt sind, nicht zu erkennen. Die Tochter wird dies nicht verwunderlich finden. Dieser Anblick wird es in ihrem innern noch wärmer werden lassen. Ihr wird wieder einfallen, wie sorgsam ihr Mutter früher schon mit ihren Dingen umging während ihr Vater sich nur wenig aus Kleidung und anderen Gegenständen machte. Ihr wird wieder einfallen, wie sehr sie das kleine Backsteinhaus liebte und vermisste. Immer wieder werden Erinnerungen in ihr hochkommen, mit denen sie viele Gefühle verbindet. Während der Messe, während des gemeinsamen Essen danach und bei jedem Schritt dem sie in diesem kleinen Dorf in Spanien machen wird.
Und irgendwann dann wird dieses Gefühl in ihr wieder aufkommen. Dieses Gefühl, welches auch ihre Eltern nicht vermeiden können werden. Dieses Gefühl von Vollkommenheit, dieses Gefühl im Paradies zu sein- dieses einzigartige, überwältigende Gefühl von Heimat.



Mit dieser Geschichte möchte ich zum Ausdruck bringen, was Heimat für die beiden auf dem Foto abgebildeten Personen ausmachen könnte. Heimat ist für jeden anders. Die einen verbinden Heimat eher mit vielen Erinnerungen, Gerüchen und Geschmäckern, während andere wohlmöglich Heimat mit einem bestimmten Ort verbinden. Heimat ist etwas das man nicht greifen kann, ähnlich wie ein Traum. Ein Traum ist etwas Individuelles, das sowohl schlecht als auch gut sein kann. Niemand kann genau sagen, was jemand anderes genau geträumt hat. Man kann lediglich versuchen einen Traum aus Erzählungen nachzuvollziehen. So ist es meiner Meinung nach auch mit Heimat. Es ist für einen nur möglich durch die Schilderung eines andern dessen Auffassung von Heimat nachzuvollziehen.
In der Geschichte hat sich das alte Ehepaar zwar heimisch gefühlt, jedoch fehlte ihnen in all den Jahren, in denen ihre Tochter nicht bei ihnen war, etwas um sich vollkommen heimisch zu fühlen. Erst als die Tochter zurückkehrt ist alles wieder perfekt. Genauso geht es auch ihrer Tochter. Sie war schon lange Zeit nicht mehr in ihrer Heimatstadt und als sie zurückkommt überkommen sie viele Gefühle und Erinnerungen. Sie fühlt sich direkt wohl und das ist es auch, was für mich persönlich Heimat ausmacht. Heimat ist ein Ort an dem man sich wohl fühlt, von dem man weiß, dass man jeder Zeit zurückkehren kann. In seiner Heimat fühlt man sich geborgen, geliebt und man verbindet viele Erinnerungen damit. Zudem zählen viele Personen zu Heimat, fehlt eine davon, so fehlt jedoch ein Stückchen Heimat. Heimat ist für jeden anders, ob gut oder schlecht, und kaum in Worte zu fassen.

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Alter: 16
Ort: Krefeld
Schule: Maria-Sibylla-Merian Gymnasium