Das arme Bauernpaar

Museumsobjekt: Das arme Bauernpaar
Entstehungsdatum: -
Künstler/Hersteller: -
Entstehungs/Fundort: -
Technik/Material: Leinwand
Museum: Staatliches Museum Schwerin
Ort (Museum): Schwerin
Bundesland: Mecklenburg-Vorpommern

Kommentar:

Das arme Bauernpaar

„Kauft Gemüse, ihr Leute, kauft Gemüse", rief Johannes. Er war der Sohn eines armen Bauern, der gestorben war. Dieser hatte Johannes sein kleines Gehöft vererbt. Er, Johannes, war nun in Besitz von ein paar Ziegen, deswegen wurde er zu einem Hirten. Und wie er da so stand, sah ein Mädchen, na ja es war kein Mädchen mehr, vielmehr eine junge, wunderschöne Frau. Der Mann, der neben ihr stand, war offensichtlich ihr Vater. Er sah aus wie ein reicher Kaufmann, und er unterhielt sich mit einem Leutnant, der ebenfalls reich aussah. Dem Mädchen wurde langweilig. Auf einmal kam es auf Johannes zu. Er konnte erkennen, dass sie strahlende blaue Augen hatte, die ihn an den Nachthimmel erinnerten. Dann stand sie auch schon vor ihm.
„ Einen schönen guten Tag, Mister", sagte sie, als wenn nichts dabei wäre, einen zerlumpten jungen Mann „Mister" zu nennen.
„ Oh bitte sagen Sie nicht Mister, edles Fräulein", antwortete er. Da fing das Mädchen laut zu lachen an. Es klang, als wenn tausend Glöckchen läuten. „ Rede mich auch mit du an. Ich bin Marie." Und mit diesen Worten schüttelte sie ihm die Hand. Ein so weltoffenes Mädchen war Johannes noch nie untergekommen. Er war völlig sprachlos. „ Ich nehme etwas hiervon und etwas davon, ja und das ... Ach, pack mir von jeden ein bisschen ein!" Am Abend, als Johannes auf seinen Strohsack lag, dachte er über das Mädchen nach. „Wirklich sehr beeindruckend", sagte er sich dann. Denn dieses Mädchen kam jetzt jeden Samstag, um bei ihm Gemüse zu Kaufen. Inzwischen hatten sich beide ineinander verliebt. Aber das fand Maries Vater gar nicht gut. Er hatte bemerkt, wie dieser Gemüsehändler seine Tochter ansah, und er hatte natürlich auch bemerkt, dass sie sich jedes Mal zu ihm umdrehte. Er war sehr dagegen. Nicht nur, weil Johannes kein Geld hatte, nein, dieser Leutnant hatte um Maries Hand angehalten. Der Vater liebte seine Tochter sehr, deshalb dachte er, er tut das richtige, wenn er seine Tochter mit einem reichen Mann verheiratet. Da irrte er sich aber gewaltig. „ Nie, Vater, nie werde ich dieses Scheusal heiraten. Eher wurde ich sterben!" So heftig hatten sie noch nie gestritten. „ Ich verbiete mir diesen Ton! Du heiratest, wenn ich das will und du stirbst, wenn es will!" „ Nein, Vater, mit mir nicht!" Marie lief fort, in den Wald und dann immer weiter über das Feld, bis sie an ein kleines Haus kam. Sie klopfte an. „ Aber Marie, was denn mit dir passiert?" Johannes sah sie mit erschrockenem Gesicht an. Ihr Gesicht war schmutzig. Sie weinte ununterbrochen. Ihr Kleid war zerfetzt. Ein wenig später hatte sie sich beruhigt. Sie wusch sich und Johannes brachte ihr ein altes Leinenkleid seiner Mutter. Dann erzählte sie ihm alles.
Nach Tagen kam ein Beamter vorbei. Marie bekam Angst. Würde man sie zu ihren Vater bringen? Aber es kam noch schlimmer. „ Du wirst Johannes den Hungertod bringen", sagte er und lachte höhnisch. Da kam Johannes aus dem Garten. „Was wollt ihr", fragte er. Der Beamte gab ihm einen Brief. Das Siegel des Bürgermeisters hielt ihn zusammen. Ohne noch etwas zu sagen, ritt der Beamte weg. „ Lass mich den Brief lesen", sagte Marie. Auf den Brief stand etwas Katastrophales:

Ab heute dürfen sie nicht mehr ihren Stand
auf den Markt aufbauen und müssen dazu
uns die Hälfte ihres gesamten Vermögens
als Steuer bezahlen
gezeichnet
Der Bürgermeister

„Johannes", stammelte Marie, „Der Leutnant hat sehr großen Einfluss auf alle wichtigen Leute der Stadt. Er war sauer, dass ich dich liebe. Johannes, weißt du was das bedeutet? Ich bin schuld, ich bin schuld, dass du bettelarm wirst!" „Ich war aber schon immer arm." „ Johannes, da ist nicht lustig, du musst mich fort schicken!" „ Nun rede doch nicht so einen Unsinn. Ich würde doch vor Kummer sterben." Sie umarmten sich. „Dann müssen wir uns halt von Gemüse ernähren und ein bisschen Ziegenfleisch und für unsere Kleidung wird uns schon etwas einfallen."
So verging die Zeit. Johannes musste zwar fast sein ganzes Geld weggeben, aber sie hatten trotzdem immer etwas zu Essen. Sie heirateten und Marie gebar zwei Kinder, das ältere war ein Mädchen mit Namen Lisa und gleichte ihrer Mutter wie ein Ei dem anderen, außer das Lisa blondes und ihre Mutter braunes Haar hatte; und das zweite war ein Junge, der nicht einmal ein Jahr alt war, und er hatte gerade erst seinen Namen bekommen. Pauli hieß er. Aber sie hatten auch einen Hund, Beb, der ihnen zugelaufen war.
Aber dank dieser neuen Bewohner ging es der Familie nicht mehr so prächtig. Sie hatten Glück, dass sie ihren Garten hatten und ihre Ziegen. Einmal saß die ganze Familie auf einen kleinen Hügel. Von hier aus sah man die ganze Umgebung. Überall waren Wälder und im Norden erstreckte sich ein großer See.
Und in der Stille sagte Johannes: „ Ach Mariechen, du hättest mich nicht heiraten dürfen!" Er hebte die kleine Lisa vom Boden auf. Pauli wimmerte ein bisschen. Marie deckte ihn zu und sagte: „ Ich lebe mit dir als eine arme Bettlerin, aber trotzdem liebe ich dich und die Kinder." Der Hund bellte auf. „Und Beb natürlich auch", sagte sie und lachte, aber bald war der Spaß vorbei und die ärmliche, kalte, ernste Stille kam. In dieser Stille hörten sie etwas knistern. „Was ist das", fragte die kleine Lisa ängstlich. Marie warf einen hektischen Blick nach unten. „Das Haus brennt!" „Ihr bleibt hier", sagte Marie noch, bevor sie ihren Mann folgte. Als sie unten war, sah sie das erschütterte Gesicht von Johannes. Es war nichts mehr zu retten. Das Gemüse brannte, die Samen für die nächsten Sat brannten und der Stall der Ziegen brannte. Marie holte Wasser, während Johannes versuchte, noch ein paar Ziegen zu retten. Vergeblich. Ein Zieglein brachte er aus den Flammen, aber es leidete so vor Schmerzen, dass er es totschlug. „ Siehst du, wenn du jetzt nicht meine Frau wärst, wäre dir das hier nie passiert Du wärst reich! Er hat mir alles weggenommen. Wir haben nichts mehr. Flehe ihn an, Marie, vielleicht wird er dir verzeihen."
Marie ließ den Wassereimer in ihrer Hand fallen. Sie sank in die Knie. Johannes rannte zu ihr. „Liebste Marie, ich liebe dich über alles. Ich will doch nur das Beste für dich." „Ich bleib bei dir, für immer", und dann drückte er sie an sich. Ihr Haus war bis auf die Grundmauern abgebrannt. Bedrückt gingen sie zu ihren Kindern.
Im nächsten Winter starb Pauli. Sein Vater war so sehr traurig, dass er sich das Leben nahm. Als das geschah machte sich Marie mit der kleinen Lisa auf, um den Leutnant um Gnade anzuflehen. Der willigte ein, aber seine Frau wurde Marie nicht. Nur eine Küchenmagd, die von allen herumgeschubst wurde. Viele Jahre ging das so und die kleine Lisa wurde größer und so bildschön, wie es der Leutnant noch nie gesehen hatte. Sie endete als Mätresse. Ihre Mutter wurde immer schwächer und müder ihres Lebens und stürzte sich vom Dach herab in den Tod.
Lisa wurde bald darauf die Frau des Leutnants. Doch vergaß sie nie, was für ein Mensch sie gewesen war: ein Mädchen das in einem ärmlichen Haus lebte, die weiten Wälder darum, und einen Hügel, auf den sie oft saß und wohin sie der Traum jede Nacht hin entführte.

Lisa lebte weiter in Wohlstand, aber sie sehnte sich sehr nach dem Tag, an dem sie ihre Familie wieder sah, dem Tag ihres Todes.

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Alter: 12
Ort: Schwerin
Schule: Fridericianum